Partnership: Bianca Lorenz and Zoe Carty

Partnership: Bianca Lorenz and Zoe Carty

Bianca Lorenz and Zoe Carty have been working with volunteer translator Matthew Richmond.

Bianca Lorenz lives in the rural northeast of Dortmund. Gardening is her passion and she loves writing crime and historical fiction. When fictive protagonists are interwoven with historical fact, she is in her element. She is member of LiteraturRaumDortmundRuhr, an authors’ collective. Together with Patricia Malcher and Cornelia Franken, she is part of DreiSatz, a writers’ trio.

Zoe Carty is a young writer, musician and broadcaster from Seacroft, Leeds. Zoe was a founder member of Chapel FM’s Associate Writers. Her work has often been premiered on East Leeds FM and in the radio theatre at Chapel FM Arts Centre.

BIANCA LORENZ

Begrabt den Brexit

„Ihre Eltern?“ Der Mann riss die Augen auf, seine große Stirn kräuselte sich und hob die Uniformmütze an.

„Ich habe gleich gesagt, es funktioniert nicht.“ Maggie schob die Unterlippe vor und sah an die Decke, um Annies strafendem Blick zu entgehen.

Der Zollbeamte musterte abwechselnd die beiden alten Damen. Sie trugen trotz ihres weißen Haars noch denselben Familiennamen in ihren deutschen Pässen, was wohl hieß, dass sie nie geheiratet hatten. Siebzig und zweiundsiebzig Jahre alt. Margret Miller und Anneliese Miller. Miller. Nicht Müller.

Annie ging auf die Bemerkung ihrer Schwester nicht ein. Sie lächelte dem Zollbeamten ins Gesicht. „Nun ja. Wissen Sie, es war doch ihr letzter Wunsch.“ Dabei zuckte sie mit den Schultern und machte ihre großen wasserblauen Augen noch größer.

Der Mann holte tief Luft. „Was genau war der letzte Wunsch ihrer Eltern, my Ladies?“  Zwischen seine Augenbrauen grub sich eine tiefe Kerbe.

Maggies Brustkorb hob sich, doch Annie war schneller. „Sie wollten so gern, dass ihre Asche auf dem Friedhof der St. Nicholas Church in Arne verstreut wird. Es ist nicht weit von hier. Sie haben dort geheiratet, müssen Sie wissen.“

Ihr unschuldigstes Lächeln bekräftigte ihre Aussage, doch die Kerbe zwischen den Augen des Beamten blieb. Er schwenkte seinen Blick zu Maggie, die ihre Lippen spitzte und zu Boden sah. Dann deutete er mit dem Zeigefinger auf den Behälter, der vor ihm auf dem Tisch stand. „Und das hier drin…,“ er zögerte, bevor er weitersprach, „…ist jetzt die Asche ihrer Eltern?“

Anni nickte und lächelte.

„Und Sie haben die Asche ihrer Eltern zusammen…“ Er machte mit seinen Händen die Bewegung vor und Anni nickte. „Zusammengekippt“, vervollständigte sie seinen Satz. In seinem Gesichtsausdruck spiegelte sich Ungläubigkeit, aber auch noch etwas anderes, das Annie noch nicht deuten konnte.

Annie nickte und lächelte.

„In eine Tupperschüssel.“ Seine Stimme wirkte seltsam tonlos.

Anni zuckte mit den Schultern und lächelte. „Sie ist unzerbrechlich.“

Der Mann biss sich auf die Unterlippe. Er schüttelte seinen Kopf, als ob er für seine Denkvorgänge in die richtige Richtung suchen würde. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Jetzt mischte Maggie sich ein. „Wissen Sie, es ist wegen ihrer Staatsangehörigkeit.“

Annies Lächeln erstarb. Ihre Augen sandten Blitze in Richtung ihrer Schwester. Wieder sah der Mann mit großen Augen von einer zur Anderen und seine Mimik verriet, dass er dies für keine Erklärung hielt, sondern eher eine weitere Frage aufwarf, auf deren Antwort er jetzt wartete.

„Vater war Brite, Mutter war Deutsche,“ erklärte Annie knapp.

Er schnaufte. „Sie wissen also sehr genau, dass ihr Vorhaben unmöglich ist.“

„Dieser vermaledeite Brexit.“ Annie schimpfte in Richtung ihrer Schwester. „Du warst ja immer dafür, jetzt siehst du, was dabei herausgekommen ist.“

Der Zollbeamte schüttelte den Kopf. „Es war auch vor dem Brexit nicht möglich, dass Deutsche ihre Asche auf unserem Boden verstreuen lassen.“ Er sah beide Frauen streng an.

„Doch, es war möglich. Wenn der Ehepartner Brite war.“ Annie richtete sich in ihrem Stuhl auf. „Unsere Eltern waren 73 Jahre verheiratet. 1946, direkt nach dem Krieg. Sie wollten nie wieder getrennt werden. Jetzt sind wir extra mit dem Boot gekommen, von Saint Germain sur Ay nach Jersey und von dort mit der Fähre nach Poole. Obwohl ich immer seekrank werde, genau wie Mama und Papa.“ Sie sah auf die Tupperschüssel. „Und außerdem wussten wir ja nicht, dass hier in Pool so kurz nach dem Brexit schon wieder eine Zollstation eingerichtet werden würde.“

„Sie haben also gehofft, dass Sie nicht erwischt werden.“ Er sah sie streng an. „Mit welchem Boot?“

„Hab ich vergessen, ich bin ja schon alt.“ Annie zuckte mit den Schultern. „Was sollten wir denn tun? Mit dem Hubschrauber über den Friedhof fliegen und die Asche von oben aus dem Fenster streuen? Wir müssen doch wenigstens den geweihten Boden betreten.“

Der Mann nahm die Mütze ab und kratzte sich den Kopf. Dann zog er sich einen Stuhl heran, setzte sich schwerfällig und machte einen tiefen Schnaufer. „Sehen sie, ich verstehe ja ihren Wunsch, aber ich darf sie damit nicht einfach hier rauslassen. Außerdem habe ich gleich Feierabend und muss diesen Fall abschließen.“ Er sah auf seine Armbanduhr.

„Schichtwechsel?“, fragte Annie. „Oder schließen sie die Zollstation für heute?“

Er hatte den lauernden Unterton bemerkt und sah sie von der Seite an.

„Sehen sie,“ flüsterte Anni und beugte sich über den Tisch ihm entgegen, „wenn sie uns das nun alles noch gar nicht gesagt hätten, und wir es also gar nicht wüssten,“ sie sandte ihm einen listigen Blick. „Dann könnten wir ja gegangen sein, bevor uns irgendjemand aufklären konnte.“

Margret hielt die Luft an. Der Mann sah aus dem Fenster, hinter dem der Himmel gnädig eine dunkle Decke über die Ereignisse des Tages legte.

Eine Minute später standen sie auf den Stufen vor der Tür und sahen in den Nachthimmel hinauf. Viele Sterne funkelten ihnen entgegen. Inzwischen war es still auf der Straße. Annie grinste ihre Schwester an. „Gut, dass Du ihm nicht auch noch verraten hast, dass wir den Fahrer schon bestellt hatten. Dann wäre er sich verarscht vorgekommen. Guck, dahinten steht der weiße Austin chummy, genau wie ihr Hochzeitsauto.“

Als das betagte Gefährt durch die Straßen Pools Richtung Westen tuckerte, sah Annie aus dem Fenster. Es war stockfinster, vor einer Minute waren sie an den letzten Lichtern Pools vorbeigerattert. Sie lächelte. Der Mann, der kurz vor der Ortsausfahrt seinen Hut gezogen hatte, sah dem Zollbeamten verdammt ähnlich.

The Poetry of Neighbourhood

The Poetry of Neighbourhood

Partnership: Matthias Engels and Barney Bardsley

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